Mit der European Universities Initiative (EUI) verfolgt die Europäische Kommission seit 2019 das Ziel, transnationale Hochschulallianzen als Universitäten der Zukunft zu etablieren. Diese Allianzen sollen die Zusammenarbeit europäischer Hochschulen in Bildung, Forschung und Innovation strukturell vertiefen, die Mobilität von Studierenden und Lehrenden erleichtern sowie gemeinsame, studierendenzentrierte Curricula und Forschungsstrategien entwickeln. Gleichzeitig wird der Anspruch formuliert, die europäischen Werte und die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents zu stärken und damit einen wesentlichen Beitrag zur Integration des Europäischen Hochschulraums zu leisten.
Nach einer Analyse des European Parliamentary Research Service sind Anfang 2025 bereits 65 Allianzen in 35 Ländern mit über 570 Hochschulen und rund elf Millionen Studierenden aktiv. Diese beeindruckende Dynamik markiert nicht nur eine neue Stufe europäischer Hochschulpolitik, sondern wirft auch grundlegende Fragen auf: Wie verändern sich Governance-Strukturen, Organisationskulturen und epistemische Ordnungen, wenn Hochschulen in derart tiefgreifende transnationale Verbünde eingebunden werden? Welche Spannungen entstehen zwischen europäischen Steuerungslogiken und nationalen Autonomieansprüchen? Welche Vorstellungen von Wissenschaft, Bildung und Identität prägen das entstehende Feld Europäischer Hochschulallianzen?
Während die politische Programmatik der Europäischen Kommission auf Integration, Effizienz und Kohärenz zielt, wird in der Forschung zunehmend auf die Ambivalenzen dieser Entwicklung hingewiesen. Einerseits eröffnen sich neue Räume institutioneller Kooperation, andererseits drohen Prozesse der Homogenisierung, Unterfinanzierung, Standardisierung und Hierarchisierung, die insbesondere kleinere oder nicht-universitäre Hochschulen marginalisieren könnten (Vukasovic & Stensaker, 2018). Die EU kann somit zugleich als Experimentierfeld und als Konfliktzone verstanden werden: als Raum, in dem Fragen nach Macht, Differenz, Governance und kultureller Identität im europäischen Hochschulraum neu verhandelt werden.
